Manchmal steige ich abends, kurz vorm Schlafengehen, in den YouTube‘schen Kaninchenbau hinab und mach’s mir zwischen bunten Super-RTL-Trailerschleifen aus 1999 und ProSieben-Werbeblöcken der frühen 2000er gemütlich – eben aus Liebe zur Nostalgie. Das alles spielt zu einer Zeit, in der es Jeff Bezos für unmöglich gehalten hätte, Amazon würde eines Tages der führende Online-Buchhändler (!) Deutschlands sein.

Ein nächstes Video wird mir vorgeschlagen, ich klicke es an: Es beginnt mit einem langsamen Kameraschwenk von der Austin-J.-Tobin-Plaza hinauf zum World Trade Center, zum Nordturm. Kurz darauf wird auf einen dünnen, blonden Mann mit Ziegenbart umgeschnitten, der kurze Hosen und ein großes T-Shirt trägt, darauf ein Weißkopfseeadler. Er steht neben einem Springbrunnen, streckt eine Hand aus und präsentiert eine riesige, bronzene Kugel 1, die inmitten des Brunnens steht. „Got it?”, fragt er. „Yep”, antwortet eine Frauenstimme hinter der Kamera. „How do you shut it off?”, fragt sie einen Moment später, „push the little red button?”

Der Platz ist fast leer. Der Himmel ist strahlend blau. Es ist ein Tag im August 2001.

Welches war das letzte gute Jahr? #

Die Zeit der Jahrtausendwende übt, obwohl ich nur verschwommene Erinnerungen daran habe, eine gewisse Anziehungskraft auf mich aus. Ein Gefühl, als hätte ich die beste Zeit um gerade einmal ein Jahrzehnt verpasst. Und damit bin ich nicht alleine. Es gibt unzählige Accounts wie etwa @2000sjournals, @00sfreak oder @2000sthetic, die die Zeit zurückdrehen, um sie für spätgeborene Millennials wie mich, ein wenig greifbarer zu machen.

Und na klar, all jene, die alt genug sind, um sich gut an die 2000er erinnern zu können, mögen das anders sehen, aber darum geht’s nicht. Es wäre ein Leichtes, diese Sehnsucht nach einer glorreichen, fantastischen Vergangenheit als ein Nebenprodukt jugendlicher Naivität abzutun, wäre da nicht die Tatsache, dass die Nostalgie in der Welt, zumindest in meiner Wahrnehmung, zu einer dominierenden kulturellen Perspektive geworden ist. Es sind nämlich nicht nur die Kinder, die wie immer die Ästhetik der Generation ihrer Eltern wiederbeleben wollen, sondern alle scheinen das zu wollen. Überall möchten Leute die Uhr zurückdrehen. Aber wohin eigentlich? Welches war das letzte gute Jahr?

Nostalgie ist ein „defence mechanism in a time of accelerated rhythms of life and historical upheavals” 2, schreibt Svetlana Boym in The Future of Nostalgia. Sie, die Nostalgie, ist eine „rebellion against the modern idea of time, the time of history and progress” 3. Das bedeutet, Nostalgie zerstört Geschichte und ersetzt sie durch Mythen. Seit dem 11. September 2001 ist viel passiert, da wäre es wohl zu kurz gegriffen, daraus zu schließen, dieses Ereignis allein hätte die zunehmend kurzsichtige Gesellschaft hervorgebracht, in der wir heute leben. Eine Gesellschaft, die dank ihres unaufhörlichen und obsessiven Recyclings einer kulturellen, imaginären Vergangenheit nicht mehr in der Lage ist, in die Zukunft zu sehen. Weder politisch noch kulturell und schon gar nicht ökologisch.

„The 22 babies born in New York City while the World Trade Center burned will never know what they missed” 4, schrieb Hunter S. Thompson eine Woche nach den Terroranschlägen vom 11. September. „The last half of the 20th century will seem like a wild party for rich kids, compared to what’s coming now. The party’s over, folks.” 5


  1. Die Große Kugelkaryatide N.Y. (auch bekannt als The Sphere, Sphere for Plaza Fountain oder Koenig Sphere) ist eine Bronzeskulptur des deutschen Bildhauers Fritz Koenig (1924–2017). ↩︎

  2. Svetlana Boym, „The Future of Nostalgia“, New York 2001, S. 21. ↩︎

  3. Ebd. S. 27. ↩︎

  4. Hunter S. Thompson, „When war drums roll“, https://www.espn.com/page2/s/thompson/010918.html [abgefragt: 05.03.2022] ↩︎

  5. Ebd. ↩︎