Schwarzer Bildschirm, leises Krächzen, große, braune Kulleraugen schauen in die Kamera: „Hi! Falls meine Haare irgendwie komisch aussehen: Ich hatte gerade keine Lust, mir die Haare zu waschen, also habe ich Babypuder genommen. Hatte nämlich irgendwo gelesen, dass das als Trockenshampoo funktionieren soll …“

Robin: Norwegen ist dunkel, kalt und es regnet immer. Außerdem ist es mit nur fünf Millionen Einwohnern das Dorf Europas. Warum bist Du und Deine Familie nicht einfach in einem Dorf im Sauerland geblieben?

Feride: Norwegen ist auch schön! Man muss bloß RTL Living oder irgendein anderen Reisesender einschalten, um einen Beitrag über die Fjorde, Berge und Fischer zu sehen. Mein Vater ist Arzt und war in Deutschland arbeitslos, wurde aber vom norwegischen Arbeitsamt kontaktiert und bot ihm in einer kleinen Kommune, ohne einen einzigen Arzt, eine Stelle an. So sind wir einfach umgezogen, ohne dass einer von uns schon mal hier war.

Robin: Wie ist denn das norwegische Arbeitsamt auf Deinen Vater gekommen?

Feride: Das weiß ich eigentlich gar nicht. Um ehrlich zu sein, habe ich auch nie danach gefragt. Weil Norwegen sehr lange zu wenige Ärzte hatte, haben sie aus ganz Europa fleißig Ärzte abgeworben. Besonders aus anderen skandinavischen Ländern wie Finnland und Schweden, aber eben auch aus Deutschland.

Robin: Du lebst nun seit 2000 in Norwegen. Wenn Du an Deutschland zurückdenkst: Fühlst Du Dich dort immer noch ein Stück weit zuhause oder ist dieses Gefühl über die Jahre verblasst?

Feride: Es kommt manchmal vor, dass mich jemand so was fragt. Deswegen habe ich schon öfter darüber nachgedacht. Rational gesehen wäre meine Heimat wahrscheinlich Norwegen, weil ich fast gar nichts anderes mehr kenne. Hier in Trondheim bin ich eingeschult worden, hier habe ich mein Abitur gemacht und alles, was in den letzten vierzehn Jahren war, ist hier passiert. Das hat mich stark geprägt. Dennoch fühle ich mich nach wie vor sehr mit Deutschland verbunden. Mir wurden deutsche Schlaflieder vorgesungen, Michael Endes Kinderbücher und der Struwwelpeter vorgelesen. Zuhause haben wir beim Abendessen immer deutsch gesprochen. Kulturell und vielleicht auch emotional, fühle ich mich etwas deutscher.

Robin: Wurdest du emotional, als Deutschland vergangenen Sommer Fußballweltmeister wurde?

Norwegisch wie Norweger #

Feride: Das natürlich auch, aber ich meine das Gefühl des Dazugehörens. Ich empfinde es zu Deutschland stärker. Ich konnte nie gut Ski fahren und meine Familie hatte keine Hütte im Wald, zu der wir jedes Wochenende hochgefahren sind. Wir waren nie so norwegisch wie die Norweger. Die Kultur teile ich einfach viel mehr mit den Deutschen.

Robin: Der Umzug im Kindesalter muss ein einschneidendes Erlebnis gewesen sein.

Feride: Ja, denn es war kurz vor meinem 5. Geburtstag und ich erinnere mich vor allem daran, dass ich gar nicht umziehen wollte. Eine Nachbarin hat noch Jahre später davon erzählt, wie ich damals auf dem Weg zum Auto gebrüllt habe. Ich mochte damals wie heute keine großartigen Veränderungen.

Robin: Es ziehen viele Leute um, egal ob es der beste Freund oder eine Schulkameradin ist. Aber meist eben nur ein Dorf weiter oder im Extremfall in eine weit entfernte Stadt. Wusstest Du denn, dass es in ein komplett anderes Land geht?

Feride: Ja, das wurde mir erzählt und erklärt. Ich glaube, meine Eltern wollten mich gut vorbereiten und verhindern, dass ich Angst bekomme.

Robin: Geklappt hat das aber nicht.

Feride: Doch, ich denke schon und ich finde es im Nachhinein sehr gut von ihnen. Der Anfang war wohl für mich etwas schwierig, wie für den Rest der Familie.

Robin: Deutschland und Norwegen sind Länder, in denen Du groß geworden bist. Gibt es noch andere Länder, die Dich faszinieren?

Feride: Obwohl meine Kindheit kaum anders oder interessanter, als die von den meisten anderen war, habe ich mein ganzes Leben lang verschiedene Menschen aus verschiedenen Kulturen um mich herum gehabt. Mein Vater ist selber das Ergebnis von einem „Kultur-Crash“ – griechische Mutter und türkischer Vater. Ich habe von vielen Kulturen, Sprachen und Traditionen etwas bekommen und bin von viel inspiriert und beeinflusst worden. Ich bin eben ein Kultur-Crash in der zweiten Generation. Und meine Kinder werden die dritte sein.

Robin: Welcher Gedanke oder welches Bild erscheint vor Deinem inneren Auge, wenn Du von “Kulturen, Sprachen und Traditionen“ sprichst? Hast Du dann etwas ganz Bestimmtes im Kopf, wie beispielsweise den Taksim-Platz in der Türkei, der von einer großen, bunten Menschenmasse überrannt wird?

Feride: Alle Menschen in meinem direkten Umfeld haben mir etwas von ihrer Kultur gegeben, ob mit Absicht oder nicht. Ich bin aber froh drum, denn ich habe es als Kind geliebt so viele Feste feiern zu dürfen: St. Martin, Weihnachten, das islamische Opfer- und das skandinavische Luciafest. Einmal war ich sogar selbst die Lucia. Ich habe katholische, orthodoxe, protestantische und muslimische Gotteshäuser besucht und dachte als kleines Mädchen, dass das alles vollkommen normal wäre.

Psychologie, PISA und Omas Knödel #

Robin: Zur Kultur gehören unweigerlich Sprachen. Wie viele Sprachen sprichst Du?

Feride: Fließend spreche ich norwegisch, deutsch und englisch. Griechisch kann ich lesen und teilweise verstehen, türkisch ist auf einem ähnlichen Niveau.

Robin: Du bist jetzt 19 Jahre alt, hast das Abitur bestanden und verstehst fünf Sprachen. Wohin gehts?

Feride: Seit Jahren interessiere ich mich für Psychologie und würde es gerne in Deutschland studieren. Der Numerus Clausus ist allerdings sehr hoch und dass ich das griechische Alphabet lesen kann, hilft mir nicht unbedingt dabei. Aber natürlich werde ich es versuchen und wenn es nicht klappt, mache ich irgendwas anderes. Internationale Beziehungen vielleicht …

Robin: Die Schulbildung in den skandinavischen Ländern, beispielsweise Finnland, genießt laut PISA- Studie einen guten Ruf in Europa. Warum also ausgerechnet in Deutschland studieren?

Feride: Ich habe seit 15 Jahren nicht mehr in Deutschland gewohnt und ich denke, es wäre für eine unbestimmte Zeit interessant es wieder zu versuchen. Außerdem ist das Studienangebot besser. In Norwegen haben wir vier Universitäten, die ein Psychologiestudium anbieten. In Deutschland sind es über 100.

Robin: Rückwirkend betrachtet: Gab es in den letzten Jahren in Norwegen, irgendeinen Moment, indem Du richtig Appetit auf Sauerkraut und Bratwurst hattest?

Feride (lacht): Nein, eigentlich nicht. Höchstens auf Omas Knödel.