Wenn wir heute über die Zukunft des Internets sprechen, geht es immer wieder um Schlagwörter wie Web3, Blockchain, Krypto oder NFT: Im Web3 werden die Menschen mit ihren Kryptocoins zahlen, um etwa neue Websites zu erstellen oder in sie zu investieren – vielleicht in eine neue soziale Plattform, die allen gehört und nicht einem einzigen Technologieunternehmen. Das Web3 besitzt das Potenzial, uns von den Tech-Megakonzernen und ihren Algorithmen zu befreien, und selbstbestimmter mit unseren Daten umgehen zu können. Anstatt uns auf die Facebooks, Twitters, TikToks und Googles dieser Welt zu verlassen, vertrauen wir dann der Blockchain, der Dezentralität.

Allerdings sind viele Menschen skeptisch gegenüber Web3 im Allgemeinen und Kryptos im Besonderen: Bitcoins und Co. unterliegen starken Kursschwankungen, sind immer wieder Gegenstand zahlloser Betrügereien und scheinen derzeit im Grunde ein massives Schneeballsystem zu sein. 1 Auch wenn Kryptowährungen und Web3 fehlerhafte Ideen sein mögen, so sind sie doch auch als Wunsch einer Erneuerung, einer Erweiterung des derzeitigen Internets zu verstehen. Die Frage lautet also:

Was haben wir mit dem Internet eigentlich vor? #

Das heutige Internet ist weder ganz schrecklich noch richtig supi, aber dann doch irgendwie mehr meh als yay. Ich glaube, dass die Ära der globalen Vernetzung, wie sie etwa von Facebook und Twitter erdacht wurde, eventuell noch nicht ganz vorbei, aber sicherlich nicht mehr so vielversprechend ist wie noch vor einem Jahrzehnt. Die Massenvernetzung, die uns weltweit verbindet, hat nicht die versprochene Utopie geschaffen – in vielerlei Hinsicht hat sie das Gegenteil bewirkt.

Und genau das ist der Punkt, an dem mich die Crypto-Bros 2 ein wenig enttäuschen. Sie verkaufen ein ähnliches Versprechen, das uns vor etwa zehn Jahren gemacht wurde: Je mehr wir miteinander verbunden sind, desto mehr Vertrauen entsteht. Nur, dass das Zuckerberg’sche Social Web auf der Idee beruhte, dass Vertrauen durch eine Verbindung zwischen Menschen aufgebaut werden kann, während Kryptowährungen darauf setzen, dass Vertrauen durch eine stärkere Verbindung zur „unveränderlichen“ Blockchain entsteht. Für mich klingt die Debatte über ein zentralisiertes oder dezentralisiertes Internet ein wenig wie etwa ein Streit zwischen Marxismus-Leninismus und Stalinismus. Beide gehen vom selben Grundtext bzw. derselben Interpretation der Welt aus. Diese können aber natürlich selbst fehlerhaft sein, sodass alle Versuche, auf ihr aufzubauen, Folgefehler provozieren.

Weniger, sparsamer und vorsichtiger #

Was passiert also, wenn wir die seit 15 oder 20 Jahren vorherrschende Prämisse, eine Verbindung ist gut, nochmal ändern? Nur weil das Internet in die physische und kulturelle Infrastruktur unserer Gesellschaft integriert ist, bedeutet das doch nicht zwangsläufig, dass dessen ursprünglichen Ideologien starr sind. Was wäre zum Beispiel, wenn wir uns für die Nutzung des Internets entscheiden würden, aber unter der Annahme, dass eine Verbindung nicht gut, gar schlecht ist?

Vielleicht würde es einfach bedeuten, dass wir das Internet weniger, sparsamer und vorsichtiger nutzen würden – und dass wir uns insbesondere weniger darauf verlassen würden, um uns selbst zu bestätigen. Vielleicht könnten wir unser Leben wieder mehr zu unserem eigenen, zu einem persönlicheren Leben machen. In diesem Szenario wäre das letzte, was wir mit dem Internet tun würden, mit jedem auf der Erde zu interagieren – crazy.


  1. Warum vieles darauf hindeutet, dass Kryptowährungen ein Schneeballsystem sind: https://www.jacobinmag.com/2022/01/cryptocurrency-scam-blockchain-bitcoin-economy-decentralization ↩︎

  2. Was ist bitte ein Crypto-Bro? https://www.urbandictionary.com/define.php?term=Crypto%20bro ↩︎